Ein Rückblick von Edith Gieler-Weiler

Heilige Texte – Ewige Wahrheiten? 

Gottes Wort im Menschenwort

 

Kirchentag – das ist ein Angebot von Veranstaltungen auf ca. 500 Seiten.

Das ist die Atmosphäre von Geistesmesse.

Das ist das Gewusel von Tausenden von Menschen.

Das ist Hitze in den Hallen und die Sehnsucht nach kühlen Getränken.

Das ist aber auch die Stille in einem Raum, erfüllt von ernsthaftem Bemühen um Erkenntnis – bei den Vortragenden wie den Zuhörern. Von solch einem Erlebnis zehrt man noch Monate später.

 

Das Podium zum Thema „Heilige Texte – Ewige Wahrheiten?“ war hochkarätig besetzt: Prof. Dr. Hubert Wolf, Kirchenhistoriker für katholische Dogmen aus Münster; Prof. Dr. Holger Strutwolf, Kirchenhistoriker für Griechisches Neues Testament aus Münster; Prof. Dr. Christl Maier, Theologin für Altes Testament aus Marburg und Prof. Dr. M. Khorchide, islamischer Theologe aus Münster.

Bibel und Koran gelten als heilige Bücher. Nach Meinung vieler Muslime ist der Koran eine abgeschlossene Offenbarung Gottes. Er muss deshalb wörtlich genommen werden. Gleiches sagen viele Christen von der Bibel.

Auf der anderen Seite aber ist der Koran im 7. Jh. mit allen zeitlichen Bedingungen und Voraussetzungen entstanden, die damals gegeben waren. Ähnliches gilt für die Bibel, die mit ihren vielen Fassungen z.B. des Neuen Testaments auch ein Menschenwerk ist.

Wie also ist im 21. Jh. umzugehen mit einem Text, der in einer anderen Zeit mit anderen Lebens- und Denkweisen entstanden ist? Und kann es sein, dass Gottes Offenbarung tatsächlich im 7. Jh. abgeschlossen ist, dass Gott also mit uns nicht mehr spricht?

Ein Beispiel aus dem Koran macht das Auslegungsproblem deutlich. Da heißt es als Regel, dass die Tochter halb so viel erben soll wie der Sohn. Zum Verständnis muss man wissen, dass zur Zeit Mohammeds die Töchter vom Erbe ausgeschlossen waren, sie bekamen also gar nichts. Schreibt man den Gehalt dessen fort, was Mohammed festlegt, dann zeigt sich eine größere Wertschätzung der Frau als vorher.

Es gilt also – wie einer der Theologen es ausdrückte – auch für den Koran: „Wenn man die Bibel als Menschenwort liest, dann antwortet sie als Gottes Wort.“ Der Geist ist wichtig, nicht der Buchstabe.

Der Geist dieser Veranstaltung war durch die hohe und bewundernswert humorvolle Streitkultur geprägt, bei der der Glaube jedes einzelnen Diskutanten immer durchschien, genauso wie seine beeindruckende Fachkenntnis. Bemerkenswert sind die Urteile des einen über den anderen: „Seit wir den Islamwissenschaftler bei uns in Münster haben, befassen wir uns viel intensiver mit unserem eigenen Glauben und lernen immens viel über ihn“.

„Ich lerne durch die Gespräche mit den katholischen und evangelischen Kollegen den Koran erst richtig verstehen.“ Was für ein Vertrauen!

 

Edith Gieler-Weiler